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Man(n) tanzt Ballett oder Warum von nichts nichts kommt

Wenn man als Junge in der Schule gehänselt wird, die Eltern gerne die Vorliebe des Sohnes als Phase und Spinnerei abhandeln, Strumpfhosen zur ganz normalen Kleidung werden und man Tschaikowski besser kennt als die Musik im Radio, dann könnte es ziemlich sicher so sein, daß der Knirps das Ballett liebt. Und dann – Peng ! Für die Eltern geht eine Welt unter.
Die Eltern, drehen aus dem einen Grund durch, der Sohn aus einem ganz anderen und am Ende bleibt das Gefühl zurück, daß beide Seiten ein ziemliches Problem haben.
Während die Eltern nach dem Auszug des Sohnes langsam ihre Ruhe und den Glauben wiederfinden, hat man als Mann noch einen langen aber spannenden Weg vor sich. Zumindest hier in Deutschland. Es ist eine Lebenseinstellung und weit mehr als nur ein Hobby.


Mit dem Tanzen ist das so eine Sache; Ich wollte als Kind und Jugendlicher neben mindestens 100 anderen Berufen vor allem Tänzer werden. Schlicht und ergreifend den ganzen Tag tanzen und sich quälen, bis der Körper es nicht mehr mitmacht. Das wäre mit meinen jetzt 37 langsam oder besser gesagt ziemlich sicher der Fall gewesen. Es war und blieb ein Traum, da meine Eltern meine Liebe zum Tanz zu unterbinden wussten. Zu groß waren die Vorurteile gegen Jungs im Ballett. Und die Kreativität meiner Familie, warum es nicht möglich ist, war geradezu unbegrenzt. Diese Kreativität für Ausreden habe ich allerdings praktischerweise geerbt. Es gibt genügend Situationen, in denen ich genau das im Alltag recht gut brauchen kann. Die Erklärung, warum das eine oder andere JETZT SOFORT gegessen werden musste, ist nicht immer leicht. Und ein einfaches „Schokolade leer? Ich war es nicht“ nimmt mir irgendwann keiner mehr ab.

Jetzt bin ich also IT-Trainer, Techniker und Berater oder im Neudeutsch einfach Consult, was fälschlicherweise den Techniker und Berater zusammenfasst. Ein solider, bodenständiger, angeblich “angesehener“ und teilweise unendlich langweiliger oder monotoner Job.
So viel ist allerdings klar, ich verdiene mehr als ein Tänzer, was im Gegensatz zum Tanzen aber auch keine Kunst ist. Das ist bei der Leistung, die ein Tänzer zu Tage bringt eine Schande für unsere Gesellschaft aber es war nie anders. Und solange Tänzer nicht aufstehen, ein Selbstbewusstsein entwickeln und für Ihre Leistung auch etwas fordern und nicht erbitten, wird sich daran nichts ändern. Das Problem ist, Tänzer können in der Regel froh sein, wenn sie einen Platz in einem Stück bekommen und die Kompanien haben genug Auswahl.
Da das Tanzen nicht einfach ein Job ist, den man wechselt, wenn man keine ordentlichen Aufträge bekommt, haben die Arbeitgeber alle Möglichkeiten die sie haben möchten um die Gagen bei den Tänzern zu drücken. Somit sind diese, die in der Regel das Abendprogramm für die gut verdienende Bevölkerung füllen, am Ende diejenigen, die mit am wenigsten bekommen.
Das alles nur, da ihre Liebe dem Tanzen gilt und es für sie keine Alternative gibt. Mir wäre es wohl nicht anders gegangen. Ich höre noch meine Worte, ich würde lieber mein Haus verkaufen als das Tanzen aufzugeben.
Jetzt habe ich also anscheinend rein finanziell die bessere Wahl getroffen oder besser treffen müssen. Ich bin vielleicht auf die eine Art und Weise nicht so glücklich aber kann meine Rechnungen bezahlen und mir manche Wünsche erfüllen. Gut, mein mittlerweile mehr oder weniger dringend benötigtes Objektiv habe ich noch immer nicht aber daran arbeite ich. Luxusprobleme…

Was macht man also um seinen Traum, den man nicht leben konnte, der aber ein inneres Bedürfnis ist, zu stillen? In meinem Fall, man(n) geht neben dem Beruf tanzen. Das erfordert ein gewisses Maß an Organisation und Willenskraft. Das wird aber jeder kennen, der sich intensiv neben seinem Beruf etwas aufbaut. Sei es ein Haus, ein Hobby – wobei ich dieses Wort im Bezug auf Tanz gar nicht mag -, Tiere oder ein riesiger Garten, der gepflegt und geliebt werden möchte. Definitiv zu nennen, sind hier auch Eltern mit ein oder mehreren Kindern. Organisation ist in allen Fällen alles.

In meinem Fall sagt der Wochenplan, Montags um halb neun zum 1. Gruppentraining in der Woche, Mittwochs um halb neun zum Einzeltraining für Spitzentanz. Donnerstags, falls ich richtig gut in der Zeit bin 2. Gruppentraining um 18:15 und Sonntags trainiere ich alleine. Die Theorie zum Tanz, also alles was neben dem eigentlichen Tanzen noch gemacht werden muss, damit das Tanzen funktioniert, liegt immer irgendwo dazwischen.
Sollte ich beruflich unterwegs sein, versuche ich mich in der entsprechenden Stadt als Gasttänzer in ein Training zu integrieren. Das funktioniert in der Regel auch fast überall, wenn man nicht bei den lieben Bayern in München ist. Es ist hier nicht anders als mit den meisten Sachen in Bayern. Andere Leute mögen sie nicht und Menschen, die nicht aus München sind schon gar nicht. Aber dafür habe ich jetzt Zeit zu schreiben 😉
Der Vorteil, wenn ich unterwegs tanze ist, daß ich eine Menge Ballettschulen und somit auch immer neue Seiten, Ansichten und Trainingsmethoden kennenlernen kann. Für Nürnberg habe ich immer noch einige Stunden auf einer 10er-Karte offen, falls ich dort wieder eine Schulung oder einen Kunden habe und in anderen Städten reicht meist ein Telefonat.

Regelmäßiges Training neben dem Tanzen ist selbstverständlich, genauso wie die Tatsache, daß ich in der Regel kein Hotel buche, welches nicht einen Trainings- / Fittnesraum hat. Das meist vorhandene Schwimmbecken und die Dampfgrotte in solchen Hotels nehme ich zudem immer gerne in Kauf. Das geht allerdings auch nicht immer. In München, Berlin oder Hamburg sind solche Hotels leider nicht in unserem Budget. Bin ich Zuhause, dann sitze ich Abends in der Regel auf dem Ergometer, wenn ich kein Training habe. Das schöne daran ist, daß ich dabei immer Zeit habe eine Folge einer beliebigen Serie auf DVD zu sehen oder einfach auch zu lesen. Und ich habe noch so viele Serien und Bücher…
Ich habe meine Nahrung nach und nach ziemlich umgestellt. Ich versuche mich überwiegend vegetarisch zu ernähren, was meinem ganzen Körper gut tut. Schokolade und Süßigkeiten sind bei mir zum Glück eine Seltenheit in meinem Einkaufswagen geworden und auch sonst versuche ich sehr bewusst einzukaufen. Muffins bilden auch weiter eine Ausnahme. Man darf einfach nicht auf alles verzichten, schon gar nicht auf Grundnahrungsmittel. Gut, es gibt sie selten aber wenn, dann kann ich nicht nein sagen.
Neben alle den anderen Punkten, spiegelt sich das Tanzen sicherlich auch in vielen anderen Bereichen meines Lebens wieder. Ob Musik, Kleidung oder sogar Kunst. Ich glaube, daß man als Tänzer sehr viel offener für viele Dinge ist, als es andere Menschen sind. Vielleicht gilt das auch für Maler oder andere Menschen, die sich künstlerisch betätigen.
Es ist eine Lebenseinstellung für mich geworden.

Die Bemerkungen meiner Mitmenschen begleiten mich natürlich bereits seit meiner Schulzeit, ebenso wie die passenden Vorurteile. An allen Vorurteilen ist etwas wahres dran aber in den meisten Fällen eben nicht.
Die vielen Vorurteile sind in der Regel ziemlich falsch. Voruteil Nummer
1. Alle Männer im Ballett sind schwul. Nun habe ich nie in einer großen Kompanie gearbeitet, glaube aber behaupten zu können, daß ich mich mit der Welt des Tanzes genügend auskenne um sagen zu können, daß es nicht stimmt. Vielleicht gibt mehr homosexuelle Männer im Ballett als an anderer Stelle, alle sind es aber nicht. Warum sind es überhaupt mehr? Das liegt sicherlich daran, daß viele heterosexuelle Männer Schwierigkeiten haben sich ausdrücken zu können. Homosexuelle haben es seltener. Ob es beim Fußball am Ende wirklich anders ist, ist die Frage. Man(n) schreibt es nicht gerade auf seine Visitenkarte.
Ich glaube, daß ALLE weiteren Vorurteile auf dieses Eine aufbauen, weshalb ich mich darüber nicht weitere auslassen werde. Schlimm genug, daß ein homosexueller, transgender oder was auch immer Mensch überhaupt anders gesehen wird. Aber das ist ein anderes Thema.

Fakt ist, daß die Akzeptanz in DEUTSCHLAND für Tänzer ( leider auch für Frauen, wenn auch aus anderen Gründen ) nicht wirklich gegeben ist. Im Ausland sieht es je nach Land sehr unterschiedlich aus. In manchen ist es wie bei uns, in manchen ist es genau das Gegenteil. Dort ist man als Tänzer hoch angesehen.
Für mich wurde es erst besser, als ich vor wenigen Jahren für mich entschieden habe, daß es mir egal sein sollte. Die, die mich nicht mögen, da ich im Ballett bin, sollen es bitte lassen und die, die dann noch übrig bleiben sind die tollen Menschen auf der Welt, die mir gut tun und die ich als Freunde genieße. Schade ist es, daß ich dafür erst Mitte 30 werden musste um das zu erkennen. Dadurch weiß ich heute aber auch, warum es nur wenige Männer Mitte 20 gibt, die sich in welcher Hinsicht auch immer “outen“. Du brauchst dafür eine gewisse Reife und die hast Du in den meisten Fällen mir Mitte 20 noch nicht.
Warum ich diesen Absatz schreibe ist nicht, daß ich für mich noch etwas loswerden möchte, sondern da ich Euch Jungs, die Ihr hier vielleicht mitlest mit auf den Weg geben möchte, daß Ihr so wie Ihr seit super und etwas besonderes seit. Lasst Euch nicht ärgern ! Weder von Euren Schulkamaraden, noch von jemanden anderes.

Danceart2
Spannend bleibt es für mich trotz allem. Ich habe ein Tanzprojekt in Arbeit, befasse mich in jeder Hinsicht mit dem Tanz und möchte noch vieles lernen. Aber in wie weit das alles möglich ist, weiß ich noch nicht. Vieles ändert jedoch zum positiven. Die Wage zeigt immer weniger an, ich merke stetig, wie es dem Körper das Training insgesamt besser tut und ich mir mittlerweile deutlich mehr merken kann aber das alles hat seine Grenzen. Und die typischen Probleme der Balletttänzer, Tänzer im Allgemeinen und der Hochleistungssportler habe ich ebenfalls. Meine Knie tun immer wieder einmal weh und die Gelenke im allgemeinen auch mehr als früher. Vieles kann ich durch sehr gutes Training und regelmäßige Termine bei Physiotherapeuten verbessern aber ganz ohne Verschleiß geht es wohl auch bei mir nicht. Aber davon kann auch jeder Fußballer, Hockeyspieler oder Handballer ein Lied singen.

Aktuell läuft wieder die Show „Got to dance“. Ein Highlight, daß mich bereits die letzten beiden Jahre begleitet hat. Es gibt nicht viel, was ich im Fernsehen sehe und dazu auch noch mitfiebere, wer nun in die nächste Runde kommt. Einen großen Teil habe ich digital auf Platte abgelegt um mir die besten Choreographien als Beispiele immer wieder einmal ansehen zu können. Was ich in dieser Sendung gelernt habe, ist enorm. Ganz nebenbei habe ich auch wieder ein bisschen mehr an Musik im Regal als vorher. Da sind aber auch Titel dabei, die ich einfach nicht auslassen konnte.

Für heute hat es sich in Sachen Tanzen und Training wohl darauf beschränkt, daß ich meine Finger für diesen Text noch ein wenig bewegt habe.
Eure Berichte, Ideen und Anmerkungen finden falls gewünscht unten einen Platz.

1 Kommentar

  1. Bernd Walther

    Für mich ist alles was im obigen Text steht aufgrund meiner eigenen Lebenserfahrungen als männlicher Balletttänzer nachvollziehbar. Ich hatte auch ganz früh in meiner Kindheit den Wunsch ein Balletttänzer zu werden. Für mich ist alles an der Kultur des klassischen Balletts wie ein wunderbarer Traum. Ich tanze klassisches Ballett deshalb aus tiefer Leidenschaft und nichts auf dieser Welt kann mich davon abhalten, mich dieser großen Freude und Erfüllung enthalten.

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