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Mein Outing, denn “ Ich bin…, also bin ich !“ — Zeitgeist oder Zeitmonster? Part 1

Es ist einer dieser Artikel, der einfach nicht fertig wird. Zu negativ geschrieben, zu viel Frust um die richtige Wortwahl, keine passenden Photos obwohl das Thema und die Gedanken schon so lange so klar sind. Es geht um die Zeit, das Zeitgeschehen, den Zeitgeist, die Möglichkeiten und Probleme die damit aufkommen. Da hilft nur eines, warten, warten und noch einmal warten auf den richtigen Moment um dieses Thema angemessen und vermutlich wieder einmal viel zu lange zu schreiben. Kurze Texte sind anscheinend nicht meine große Disziplin, was angeblich Google freut. Je mehr Worte in einem Text, um so mehr wird der Text als Ergebnis auftauchen – angeblich zumindest.
Doch das Thema lässt kaum Spielraum zu, geht es doch um nicht mehr und nicht weniger als das Sein an sich. Das was man ist, was man sein soll und was man sein möchte. Jeder kann sich outen !Kennt Ihr es vom hören oder von Euch selber, das Gefühl “Wau, ich hätte gerne mal in den 70ern gelebt oder in den 60ern“?
Warum ist das so? War denn alles besser, nur da das Twix noch Raider hieß und es Cola in Glasflaschen gab? By the way, ich kaufe Cola noch immer in Glasflaschen !
Wir hatten bei uns auf dem Hof zeitweise über 30 Schafe und ich habe gelernt, daß das Gras nebenan immer grüner ist. Bei näherem hinsehen, vielleicht aber auch nur anders.
Nein, es gab auch damals nicht nur positives und unsere heutige Zeit bietet auch so vieles aber man muß sich auch entscheiden, was man ist oder wer. Das zumindest gab es früher vielleicht in diesem Maße nicht.
In der kleinen Kneipe in unserer Straße fragt Dich keiner, was Du hast oder bist ! Oder doch?

Vorbei scheinen die Zeiten, in denen man anscheinend einfach nur ein Mensch war. Heute bist Du immer etwas und gehörst in eine Kategorie oder Schublade. Farbig oder weiß, rechts oder links, Flexitarier, Frutarier, Vegetarier oder Veganer, studiert oder nicht, christlich, jüdisch oder muslimisch. Hörst Du Schallplatte, CD oder MP3 ?
Und spannend, laut Facebook – und das ist neu – ist man eines von 60 Geschlechtern. Genau, 60 !! Androgyn, Weiblich, Frau zu Mann (FzM), Genderqueer, Intersexuell, Männlich, Mann zu Frau (MzF), Transgender, Transsexuell, Zwitter, Hermaphrodit, Two Spirit, Transvestit, Cross-Gender und vieles vieles mehr.

Da stellt sich für mich die Frage wer bin ich und wenn ja, wie viele ? Ich bin verfressen aber das ist noch keine endgültige Antwort.

Tonabnehmer
Was für mich so faszinierend ist, ist die Einsicht, daß unsere Welt heute anscheinend unglaublich bunt sein kann. Nicht mehr nur schwarz und weiß. Heute kannst Du zumindest bei uns und in manchen anderen Ländern zum großen Teil leben, wie du es möchtest. Trotzdem mußt Du für die meisten in eine Schublade passen, auch wenn heute fast alles möglich ist. Es liegt wohl in der Natur des Menschen für alles eine Definition zu finden. Und das muß heute auch bewertet werden ! Das gehört einfach dazu. Likes und Dislikes scheinen der neue Maßstab zu sein. Man könnte also sagen“ Sei was Du willst aber definiere es für mich und ich bewerte Dich dann“.

Ich habe kein Profil, bei dem man mich bewerten kann ( ich bin nur Leser ) und bisher kann ich damit ganz gut leben stelle ich fest. Facebook kann mich mal 😉

Trotz der großen Intoleranz in der Gesellschaft – die leider immer noch, wenn nicht sogar wieder verstärkt auftritt – findet sich doch für fast alle Einstellungen und Lebensweisen irgendwo das Richtige. Hey, selbst die CSU hat Wähler. Kann also so schlimm nicht sein, Freunde zu finden, die einen mögen. Oder sind es nur Leidensgenossen mit den gleichen Interessen? Entscheidet selber…

Schlimm finde ich auf der anderen Seite die Tatsache, daß trotz aller Möglichkeiten an so vielen Stellen für mein Verständnis die Menschlichkeit verloren geht. Wie Sido/Bourani es so schön in ihrem Songtext schreiben “Fast 8 Milliarden Menschen, doch die Menschlichkeit fehlt.” Gerade in der aktuellen Berichtserstattung des Weltgeschehens zeigt sich dies leider jeden Tag aufs Neue.
Und natürlich stellt sich die Frage danach, was Menschlichkeit eigentlich bedeutet. Ist es Menschlich, einen ganzen Teller mit leckerem Gyros zu essen – am Ende noch alleine? Oder ist es unmenschlich überhaupt Fleisch zu essen? Sind Vegetarier die besseren Menschen. Oder Radfahrer ohne Auto?

Also gilt es letztendlich im Vergleich zu früher anscheinend die richtigen Leute zu finden und sich seine Welt selber zu gestalten. Das scheint der große Unterschied zu früher zu sein. Es gab damals kaum Szene-Leute, wie man heute sagt.
Ein Soziologe würde mich vielleicht korrigieren aber ich sehe die Szenen erst ab den 70er Jahren aufkeimen. Die Zeit der 50er und 60er Jahren war also vielleicht lange nicht so traumhaft, wie man es manchmal annimmt. Ruhiger und geordneter aber vielleicht nicht besser. Eine liebe Freundin sagte mir sinngemäß “Glaubst Du wirklich, die Menschen waren früher glücklicher? Sie mußten sich nur anpassen und sind daher Jahrzehnte zusammen / verheiratet geblieben, obwohl die Liebe fehlte. Alles andere wäre für sie gesellschaftlich nicht tragbar gewesen“.
Dieses Problem existiert heute nicht mehr. Heute kann jeder für sich selber sorgen.
Ich finde diese Aussage sehr spannend. Sie selber muß es wissen, da sie beruflich mit diesen Themen viel zu tun hat.
Das zerstört mein Wunsch von der echten wahren Liebe dann allerdings doch ein wenig. Heute wie damals scheint es also ein echter Jackpot zu sein, wenn man sie dann doch findet, die echte Wahre große Liebe? Vielleicht gibt es auch deshalb heute so viele Trennungen.

Father_and_Son

Am Ende scheint es so zu sein, daß die Sicherheit in der Gesellschaft zu Lasten der Vielfältigkeit geht. Generell scheint Individualität das Gleiche zu sein, was vielleicht erklärt, warum heute nur noch wenige eine wirkliche Meinung haben. Es ist nicht einfach eine Meinung zu vertreten, die nicht Mainstream ist. Und es bringt keine Stimmen !
So viele beklagen sich, daß z.B. in unserer Politik nur noch Duckmäusertum herrscht. Was aber bleibt einem übrig, wenn man nach der nächsten Wahl nicht Blumen gießen möchte. Die wenigen, die sich mit einer eigenen Meinung äußern und dazu stehen werden in der Regel von allen in der Luft zerrissen. Also doch lieber mitschwimmen.

Für mich selber bleibt die Erkenntnis, daß man eine harte Schale braucht, wenn man zu sich selber stehen möchte. Ob man als Mann nun Metrosexuell ist und ins Nagelstudio fährt, Maskara und Schminke verwendet oder als Frau am liebsten mit dem Traktor oder dem Unimog zum Einkaufen fährt und nicht versteht, was an einem 500g Steak nicht normal ist und man doch auch mit dem Kärcher sauber machen möchte. In beiden Fällen ist es manchmal nicht einfach zu sich zu stehen. Aber zumindest macht es Spaß man selber zu sein. Versucht es mal ! Vielleicht einmal mit einem Unimog ins Nagelstudio fahren 😉

Am Ende angekommen klingt irgendwie doch alles ein wenig negativ, mußte aber einfach mal raus. Ich bessere mich, versprochen !
Und in Andenken an Peter Lustig sage ich heute mal, Ihr habt genug vor dem Rechner, Laptop, Smartphone oder dem Tablet verbracht. Ihr solltet jetzt dringend mal Klick – Abschalten !

2 Kommentare

  1. Uwe S.

    Viele wahre Worte, die einen zum Nachdenken bewegen! Tja, mit “..früher war alles besser!” ist das wohl wirklich so eine Sache- und Facebook kann mich auch mal. Ja , so manches ist bei mir “Oldstyle”. Ich höre immer noch gerne Schallplatte mit meinen selbstgefertigten Röhrenendstufen, habe noch ein Siemens-Handy, restauriere alte Radios, trage gern Ballett-Spitzenschuhe oder Ballet-Heels aus meiner Sammlung (wie meine Frau übrigens auch) und bin seit 25 Jahren glücklich verheiratet. Ich lasse mich auch nicht in irgendeine Schublade drängen- soweit es geht, versuchen meine Frau und ich WIR zu sein, manchmal haben wir allerdings das Gefühl, dass das Spiessertum und die Intoleranz in der Gesellschaft zunimmt! Aber so ist das halt……
    Trotzdem- war wieder ein interessanter Artikel, weiter so !!!!
    Grüße, Uwe

    • Kati

      Hallo Uwe,
      Schallplatten und Röhrenendstufen; Seeehr lecker !
      Mit den Handys ist das so eine Sache. Alt und einfach ist super aber ich muß zugeben, ich würde ohne WhatApp, Threema und so mancher App nicht mehr leben wollen.
      Ich bewundere Eure lange Ehe und vorallem die Tatsache, daß Ihr “WIR” seid. Das ist eine Eigenschaft, die die Meisten gar nicht mehr kennen.

      Danke für die Blumen und Euch auch weiter alles Gute
      Kati

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