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S86.0 – Die Achillessehne und das Ballett

Dieser Artikel ist mir ein persönliches Anliegen, nachdem ich die letzte Zeit ( naja, seit Monaten… ) bereits durch meinen eigenen Achillessehnenriss genügend Probleme und Sorgen und vor allem Fragen zu dem Thema hatte.
Das Thema ist nicht unbekannt und doch findet sich nach meinem Kenntnisstand aktuell kaum ein ausfühlicher deutschsprachiger Artikel im Netz, der sich mit diesem Thema befasst. Selbst die einschlägigen Seiten, Bücher und Dokumente gehen nicht näher auf dieses Thema ein. Das möchte ich zumindest in Ansätzen ändern, auch wenn ich Fachmann bin.
Wichtig bei diesem Artikel ist, daß allen Lesern bewusst sein muß, daß diese Informationen aus allen nur erdenklichen Quellen zusammengetragen wurden.
Ich kann keine Garantie auf die Richtigkeit der Informationen geben. Diese können ggf. von Grund auf falsch sein. Ich bin kein Arzt, kein Physiotherapeut oder habe sonst irgendein fundiertes Fachwissen über dieses Thema. Somit darf dieser Artikel auch nicht als Anleitung zur Selbsthilfe oder gar Therapie verstanden werden.

Bei allen Problemen ist definitiv sofort ein Arzt zu konsultieren! Macht keinen Quatsch mit Eurer Gesundheit, wenn Ihr weiter tanzen wollt !
Dieser Artikel wird als so genanntes Running-Book ausgeführt. Er wird also permanent erweitert und falls nötig korrigiert.

Dies war mein Vorwort und somit hoffe ich Euch nun ein wenig Informationen mit auf den Weg geben zu können.

Fakten
Generell treten Achillessehnenrisse hauptsächlich bei Personen im Alter zwischen 30 und 40 auf. Häufiger bei Männern als bei Frauen, wobei Männer im Ballett noch einmal verstärkt betroffen sind,.
Der Spitzentanz erhöht die Wahrscheinlichleit für eine Achillessehnenruptur noch einmal, was in meinem Fall also anscheinend die perfekten Voraussetzungen für eine Achillessehnenruptur geschaffen hat.
Achillessehnenrisse treten des Weiteren vorwiegend bei bereits bestehenden Verschleißerscheinungen oder einfach altersbedingt auf.

Läufer, sowie Tennis-, Badminton- und Squashspieler kennen diese Verletzung ebenso sehr, was jedoch nicht bedeutet, daß ein Achillessehnenriss nicht in jeder anderen Sportart auftreten kann.

Das Problem bei allen Sportarten ist die Kraft, die während der Abdruckphase der Zehen auftritt. Diese kann bis zum 7fachen und mehr unseres Körpergewichts betragen.
Meine Schlußfolgerung daraus; Auch ein zu hohes Körpergewicht kann zu einer Verletzung beitragen… Verdammte leckere Sachen überall !

Eine weitere Rolle spielt die Schwächung der Sehnen mit zunehmendem Alter.

Generell haben sehr viele Tänzer mit dem Thema Achillessehne zu tun, auch wenn es teilweise ( noch ) unbewusst ist.

Anatomie
Die Achillessehne besteht aus den vereinten Sehnen des zweiköpfigen Wadenmuskels und des Schollenmuskels.

Der zweiköpfige Wadenmuskel ( Musculus gastrocnemius ) ist der Muskel, der sich bei einem Releve´ anspannt. Somit ist dies auch der Muskel, der beim Ballett permanenter Anspannung ausgesetzt ist und dies mit hoher Zugkraft auf die Achillessehne.

Wodurch entstehen Achillessehnenrupturen?

Es gibt viele Ursachen für eine Achillessehnenverletzung oder einen Riss ( Ruptur ). Diese sind im Besonderen:

  •      Überbelastungen jeder Art
  •      Zu schnelle Steigerung des sportlichen Leistungsniveaus
  •      Fehlendes oder gar kein Aufwärmen vor dem Training
  •      Regelmäßiges Tragen von Schuhen mit hohen Absätzen. Warum? Die Sehnen “gewöhnen“ sich daran, kürzer zu sein. Wenn dann keine Absätze vorhanden sind, wird die Sehne übermäßig gestreckt und somit überstrapaziert. Also auch wenn es gut aussieht, bequem ist und ein gutes Gefühl verschafft, gesund ist es nicht.
  •      Natürlich verkürzte Wadenmuskeln bzw. -sehnen
  •      Verschiedene Fußfehlstellungen
  •      Es kann sich um eine Folgeerscheinung einer unbehandelten Achillessehnenentzündung handeln.
  •      Auch bestimmte Antibiotika, können entsprechende Verletzungen begünstigen.

Es ist passiert, was nun?

Diese Frage lässt sich ersteinmal leicht beantworten. Da man mit einer Achillessehnenenruptur nicht mehr laufen kann, wir man am Ende im Krankenhaus landen. Die Entscheidung ob die Sehne operiert werden muß oder ob sie durch eine entsprechende Fußstellung von alleine wieder zusammenwachsen kann, hängt nach Aussagen meines Arztes davon ab, wie weit die Sehnenenden voneinander entfernt sind. Mir wurde die Info gegeben, daß die Sehne bis zu 5mm alleine wieder zusammenwachsen kann, die Festigkeit der Sehne dadurch aber nicht wieder so hoch sein wird, wie bei einer OP. Die OP und das Vernähen der Enden ist daher heute der Standardfall.

In jedem Fall: Vergesst das Ballett oder Sport für lange Zeit. In meinem Fall für circa 6 Monate.

Die OP selber ist in der Regel in einer halben bis dreiviertel Stunde erledigt. Ich hatte mich für eine örtliche Betäubung, bzw. eine Spinalanästhesie entschieden. Aber auch eine Vollnarkose ist selbstverständlich möglich. Ein entsprechendes Gespräch wird im Vorfeld geführt.
Der Krankenhausaufenthalt ist in der Regel kurz, wenn keine Komplikationen auftreten. In meinem Fall zwei Nächte.

schiene

Danach werdet Ihr mit einer Orthese (Vacoped-Schuh) und Medikamenten gut versorgt und ich wünsche Euch, daß jemand für Euch da ist, der Euch helfen kann. Vieles wird sonst im Alltag schwierig aber das kennt jeder, der schon einmal in welcher Art auch immer verletzt war.
Es kommen dann die Fragen, welche Sachen man anziehen kann, wie oft kann man die Orthese ausziehen usw. Ganz ehrlich, daß muß jeder selber herausfinden. Ich hatte höchstens eine Leggins an, am Fuß gar nichts, da man die Polster ( es waren zwei Stück dabei ) waschen kann. Ausgezogen habe ich die Orthese sehr viel im liegen, da es ganz angenehm war und ich dann auch die Zehen bewegen konnte. Hier galt für mich der Leitsatz, so viel bewegen wie möglich, so wenig wie nötig. Alles was die Sehne nicht betroffen hat wurde bewegt. Ende !
Die Gefahr, daß ich den Fuß ohne die Orthese in seinem Winkel ändern könnte, sah ich nicht als gegeben. Ich kann meinen Fuß ganz gut beherrschen.

Die Orthese wird alle zwei Wochen in Ihrem Winkel entsprechend angepasst. Die Spitzfusstellung von 30 Grad auf 15 Grad und am Ende auf 0 Grad bei voller Belastung. Hier bekommt Ihr in der Regel einen Plan. In meinem Fall war er so schlecht geschrieben, daß ihn keiner verstanden hat 😉

medikamente

Ich habe direkt in der ersten Woche nach der OP mit der Physiotherapie / Krankentherapie angefangen. Zehen bewegen, Massage usw. Das Programm haben wir dann recht schnell deutlich ausgeweitet auf das Bewegen des Fußes mit eigener Kraft und natürlich ohne jede Belastung !! Es ging nur um die reinen Beweglichkeit und das Arbeiten mit nicht betroffenen Muskeln und Sehnen.
Hier zeigte sich schnell das gute Training aus dem Ballett, da die Beweglichkeit aber auch die Kraft sehr schnell wieder vorhanden war.
Mein besonderes Glück war es, einen guten Physiotherapeuten zu kennen. Das ist für mein Verständnis entscheidend für alles was kommt. Ich war seit der ersten Woche zwei mal pro Woche dort. Aber auch Zuhause habe ich permanent alles bewegt, was ging, was nicht weh getan hat und was ich ohne Druck und Kraft von außen selber konnte.

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Mein Fuß nach fünf Wochen

Sechs Wochen nach der OP bin ich Zuhause sehr langsam und vorsichtig wieder ohne Krücken gelaufen.

Bedenklich für mich selber empfand ich die Tatsache, daß ich in sechs Wochen knapp 7 Kilo „abgenommen“ habe. Ich habe weniger gegessen, das war Fakt aber das meiste dürfte Muskelmasse gewesen sein. Ein Grund zum feiern ist das für mich allemal nicht.

Große Probleme sind bei mir nicht aufgetreten, auch wenn ich Beschwerden mit der Peronaeussehne bekommen habe und ich noch lange ein Taubheitsgefühl an der Außenseite des Fußes hatte. Das zumindest sei normal, wie mir der Arzt bestätigte. Bei der OP kommt man schnell an die Nerven und das könnte teilweise Monate dauern, bis alles wieder normal ist.
Bzgl. der Schmerzen, die ich immer wieder mit der Peronaeussehne hatte, war ich später auch noch einmal in der Klinik . Der Physiotherapeut meinte im Vorfeld jedoch bereits, daß es sehr gut sein kann, daß auch diese Sehne etwas bei dem Unfall abbekommen hätte. Es wäre nicht ungewöhnlich, genauso wie meine Muskelschmerzen, die in zeitweise hatte. Muskelfaserrisse seinen bei so etwas fast die Regel.

Sehr schnell nach dem ich die Orthese nicht mehr gebraucht habe, habe ich mit Lymphdrainage begonnen um die Schwellungen möglichst schnell wieder los zu werden. Das hat bei mir in jedem Fall geholfen.

Mit dem Balletttraining ( Einzelunterricht ) habe ich in Ansätzen knapp 8 Wochen nach der OP wieder begonnen. Nein, natürlich keine Plies aber in sinnvollem Maß mit Bodenarbeit, also alles sitzend und liegend.
Ein Training an der Stange war nach circa 5 Monaten wieder möglich, wenn auch noch sehr eingeschränkt. Durch die Möglichkeit, daß ich auch am Wochenende alleine Trainieren kann, konnte ich mich frühzeitig, wenn auch sehr überlegt, vorsichtig wieder langsam auf ein Training vorbereiten.

Nach 6 Monaten habe ich zum ersten mal wieder an einem regulären Gruppentraining teilgenommen. Bis dahin war das Einzeltraining gesetzt. Alles andere wäre nicht sinvoll gewesen.

Spitzentanz

Spitzentanz ist noch länger als das „normale“ Training nicht ohne weiteres möglich.
Es mangelt massiv an der notwendigen Kraft und der dadurch fehlenden Standsicherheit.
Mein Maßstab sind meine Spitzenschuhe, deren Bänder bedingt durch die Schwellung am linken Fuß noch nicht wieder passen. Sie sind zu kurz.

Ich muß davon ausgehen, daß der Spitzentanz in beträchtlichem Maße zu der Achillessehnenenruptur beigetragen hat. Diese Tatsache hält mich noch zurück und zwingt mich dazu jedem Spitzentanztraining mit einem Höchstmaß an Respekt entgegenzutreten.

Neben dem Balletttraining ging es für mich aber auch verstärkt an das Trainieren der Antagonisten und des gesamten restlichen Körpers um eine solch schwerwiegende Verletzung in Zukunft zu vermeiden.
Also habe ich mich in der Zeit danach verstärlt mit Schwimmen, Fahrradfahren und Joggen befasst. Und somit kommen wir zu einem ganz entscheidenden Thema:

Vorbeugung

Übungen für den langen Zehenbeuger sind in jedem Fall gut geeignet, die Belastung der Achillessehne zu reduzieren und . Dieser Muskel, der seinen Ursprung an der Hinterfläche des Schienbeins hat, verläuft in einer Sehnenscheide unter der Achillessehne. Er arbeitet synergistisch mit dem Musculus soleus, um die Vorwärtsbewegung des Beines zu bremsen, bevor die Ferse während dieser Bewegungsphase den Boden verlässt. Das verringert die Belastung der Achillessehne in beträchtlichem Maße, da es die Dehnung der Sehne bremst.

Ebenso trainiere ich mittlerweile selbstverständlich die Fußhebermuskeln ( Tibialis anterior )
Das gehört für mich zum normalen Training heute dazu.

training_01

Zusammengefasst würde ich für mich heute sagen, zu jeder Bewegung gehört die entsprechende Gegenbewegung ( das ist ja fast philosophisch 😉 ).
Kann ich diese Gegenbewegungen im Training nicht bekommen, muß ich sie mir an anderer Stelle holen.
Ansonsten, Joggen, Fahrradfahren und Schwimmen.

Die Rückfallwahrscheinlichkeit
liegt nach Aussage meiner Ärzte bei circa 20%, wenn die Verletzung gut verheilt und auskuriert wurde. Bei circa 80% liegt sie, wenn man sich nicht die Zeit nimmt und zu früh wieder belastet. Das wäre dann vermutlich das definitve Aus für das Ballett.
Die letzte Ärztin, die mich untersucht hat, relativierte diese Werte, ich möchte es jedoch nicht testen, da es allen meinen bis dahin erhaltenen Information widerspricht.

Ich wurde bereits kurz nach der OP von meinem Arzt darauf angesprochen ob ich das Balletttraining nicht einstellen möchte. Auf meine mehr als deutliche Absage wurde mir mit auf den Weg gegeben, daß ich ausfpassen müsste, daß ich nie wieder eine solche Verletzung habe. Ähnliches sagte mit auch mein Physiotherapeut. Mit diesem Wissen im Hintergund lebe ich heute und trainiere entsprechend. Dabei habe ich immer noch den Harten aber Wahren Satz der fiktiven Tanztlehrerin Madame Kralowa aus der Serie Anna im Kopf –

Der Körper ist das Material eines Tänzers, das Material muß stimmen.

In diesem Sinn, passt auf Euch auf !

02.Juni 2017: Kleiner Nachtrag
Heute ist der Unterschied zwischen der betroffenen Sehne und der “Gesunden” Sehne noch 1,5cm im Umfang am Knöchel gemessen.
Das ist nicht tragisch  aber wenn man darauf achtet, sieht man es doch. Und je nach Schuh ( Pumps oder auch Boots ) kann es stören.
Im Training selber merke ich auch heute tatsächlich noch Leistungseinbußen in der Kraft an dem Bein mit der Verletzung. Gerade bei einem Releve´ oder dem aufrollen auf die Spitze wird dies sehr deutlich. Ansonsten steht einem normalen Training im Ballett aber auch sonstiger Sport nichts im Weg.
Das Taupheitsgefühl auf der linken Seite von meinem Fuß ist weitestgehend verschwunden, was jedoch immer noch vorhanden ist, ist eine völlige Gefühlslosigkeit an der OP-Naht und diese sieht man immer noch sehr deutlich in rot.

2 Kommentare

  1. Heiko W.

    Hallo KaTi,

    ein wirklich sehr toller und interessanter Blog.
    Der Artikel hier erinnert mich sehr an meinen Kreuzbandriss. Da ich leidenschaftlicher Tänzer bin kann ich das alles sehr gut nachvollziehen.
    Da ich schon seit längerem deine Artikel verfolge, kam mir die Frage auf was bedeutet eigentlich der Name KaTi bzw. wie setzt er sich zusammen?

    • Kati

      Hallo Heiko,
      ja, ein Kreuzbandriss ist glaube ähnlich schlimm beim Tanzen. Ich höre immer von unseren Sportlern in der Firma, wer schon einen hatte, wie viele Bekannte sie mit Kreubandrissen haben und mehr. Ich hoffe, in Deinem Fall ist es gut verheilt und dem Tanzen steht heute nichts mehr im Weg.
      *Kicher* Ja, meinen Namen zu erklären habe ich bisher “vergessen”. Das aber auch bewusst.
      Kati ( Ich sollte das T bald einmal klein schreiben ) setzte sich anfänglich aus meinem Namen plus eben dem T zusammen. Das T, so hat es sich einfach und recht passend ergeben, sollte zum einen für den Tanz stehen, was ein Hauptteil dieses Blogs sein soll und für Technik zum anderen. Zugegeben, die Technik ist bis auf den unfassbar oft genutzen Beitrag über meinen Toaster sehr kurz gekommen aber unnötig Kontent möchte ich auch nicht produzieren, wenn es gerade nichts passendes in diesem Bereich bei mir gibt. Aus Kati kann man aber auch sehr schnell die Abkürzung von Katharina machen. Wenn Du meinen Blog öfters liest ( vielen Dank dafür, das freut mich sehr ! ), dann hast Du vielleicht gemerkt, daß ich nicht unbedingt ein typischer Mann bin. Somit steht Kati auch für meinen “zweiten” Namen und vielleicht eines Tages auch für den wie auch immer gearteten ersten Namen.
      Und nun meine Werbesendung: Wenn Du regelmäßig liest, kannst Du Dich ganz unten für den Newsletter eintragen. Aktuell schaffe ich es zwar nicht viel zu schreiben aber vielleicht wird es einmal wieder mehr.

      Liebe Grüße
      Kati mit kleinem T 😉

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