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Spitzentanz mit Männern – Men on Pointe I

Als ich mich das erste Mal mit dem Thema Ballett befasst habe, ging es mir wohl nicht anders, als allen anderen, ob Junge oder Mädchen, Frau oder Mann; Ich war begeistert vom Spitzentanz und den Möglichkeiten, die man auf Spitze hat. Es ist auch heute noch der Inbegriff des Ballett aber ebenso spaltet er die Gemüter und Meinungen. Auf der einen Seite völlig überbewertet, auf der anderen Seite zu sehr eingeschränkt auf alte Werte und teilweise verkümmert, da er vielen Choreographen anscheinend zu aufwändig scheint. Im modernen Ballett zumindest spielt er kaum eine Rolle, auch wenn es keine klassische Ausbildung ohne ihn gibt. Möglicherweise gerade aus der Tatsache heraus, daß er so klassisch ist, scheuen sich anscheinend viele ihn mit in die Moderne zu nehmen. Schade, bedenkt man, wie vielfältig er sein kann. Viel schlimmer noch, daß er sich fast immer noch nur auf die Ballerina beschränkt und die männlichen Tänzer in der Regel außen vor sind. Das kann und sollte sich für mein Verständnis dringend ändern. Meine wenigen Erfahrungen aus zweieinhalb Jahren Spitzentanz aber auch meine Ideen zu diesem Thema sind hier in zwei Teilen zu finden.


Bereits zu Beginn meiner Begeisterung zum Ballett bewunderte ich die vielen Tänzerinnen, die in der Lage waren auf Spitze zu tanzen. Eine Fähigkeit, die nicht in kurzer Zeit zu erlernen ist.
Die Leichtigkeit aber auch die Figuren, die erst durch Spitzenschuhe und Spitzentanz entstehen können, sind in jeder Hinsicht faszinierend.
Was mich aber ebenso ärgerte und was ich als diskriminierend empfand, ohne damals bereits zu wissen, was Diskriminierung ist, war die Tatsache, daß es immer nur die Frauen waren, welche mit einer Selbstverständlichkeit auf Spitzen tanzen durften. Sie durften es und ich als Junge nicht.
Entstanden ist der Spitzentanz aus der Tatsache heraus, daß er es ermöglichte Tänzerinnen schwebend, zart und unnahbar darstellen zu können.
Männer dürfen Tänzerinnen halten und stützen, dabei nett aussehen und sich danach die Seele aus dem Leib springen. Was des Fußballers Kopfball, ist des Tänzers Sprung könnten man oftmals meinen. Daran hat sich erst einmal nichts geändert.
Ich empfinde es dem Tanz gegenüber als respektlos, daß auch heute noch eigentlich ALLE Ballettschulen, Ausbildungszentren und Kompanien den Spitzentanz bei Jungs und Männern quasi ignorieren.

Besonders nachlässig finde ich es, da die vielfältigen Möglichkeiten des Spitzentanzes bei männlichen Tänzern einfach nicht genutzt werden. Sie werden im Ballett gar nicht oder nur kaum genutzt.
Eine Kompanie, welche in Ansätzen eindrucksvoll aufzeigt, welche Möglichkeiten der Spitzentanz bietet, ist die Kompanie “MeN-oN-Po!NTe” unter der Leitung von Brian Norris. Über den aktuellen Stand der Company lässt sich nur wenig sagen. In Facebook und auf YouTube ist die Company noch zu finden, die Internetdomain steht aktuell jedoch zum Verkauf. Sehr zu empfehlen ist ein Ausschnitt aus “No 9“. Für mein Verständnis ist perfektes Beispiel, wie Spitzentanz heute aussehen kann.
Neben “MeN-oN-Po!NTe” zeigen die “Les Ballets Trockadero de Monte Carlo”, kurz Trocks, auf eine Humorvolle Art und Weise, daß Männer durchaus auch den klassischen Spitzentanz perfekt beherrschen. Ich persönlich stehe dem Inhalt etwas skeptisch gegenüber schätze jedoch ihre Kunst und im Besonderen die Arbeit, die sie für das Thema leisten. Ob gewollt oder ungewollt ist für mich hier nicht entscheidend. In jedem Fall sind die Trocks der Inbegriff dessen, was man aus dem Tanz machen kann, wenn man(n) es denn möchte.
Spätestens seit dieser Company verspüre ich den Wunsch einen der vier kleinen Schwäne tanzen zu können – es wird wohl ein Wunsch bleiben.

Wie viele Choreographien können wir möglicherweise auf der Bühne nicht sehen, da sich weder Tänzer noch Choreographen an das Thema herantrauen? Ist es die Bequemlichkeit sich bezüglich dem Spitzentanz nur im klassischen Ballett zu bewegen und dieses Thema einfach nicht anzugehen?

Ich interessiere mich seit langer Zeit für das Choreografieren von Stücken. Ich habe sehr viele Ideen, bin jedoch wie ein Dichter, der eine Sprache nicht sprechen kann und somit einfach kein Gedicht schreiben kann. Um dies zu ändern und um zu verstehen, was es bedeutet ein Stück mit Spitzentanz zu choreographieren, habe ich mich ursprünglich dazu entschieden, auch den Spitzentanz zu lernen. Das war vor fast drei Jahren.
Heute sind es eindeutig mehr Gründe geworden.
Ein weiterer Grund war es, daß ich zeigen wollte, daß Männer durchaus auf Spitze tanzen können, auch wenn mir völlig klar war und ist, daß ich damit die (Tanz)Welt damit nicht verändern kann.
Das Ballett ist eine Kunst ohne Standards im Bezug auf die Choreographien. Es darf keine Standards geben, sonst wäre der Tanz früher oder später tot. Oft genug habe ich bereits das Gefühl, er liegt im sterben. Hätte sich Pina Bausch an Standards gehalten, wären die meisten ihrer Stücke nie entstanden. Ich werde nie ein Freund Ihrer Stücke aber sie hat sehr viel für den Tanz getan.
Innovation und neue Ideen bedeuten im Tanz heute leider allzu oft, Stücke zu schrieben, die weniger innovativ, als viel mehr “skandalös” sind oder provokativ. Vielleicht auch beides gleichzeitig. Die Gründe hierfür mögen vielfältig sein.
Guilherme Botelho ´s ANTES ist aktuell eines der Stücke, welches verdeutlicht, was manche heute unter modernem Tanz verstehen. Wenn auch beeindruckend, ist dieses Stück für mich nicht mehr als eine Performance. Tanz ist etwas anderes.

Der letzte Grund, warum ich mit dem Training angefangen habe, war die Tatsache, daß ich die hohe Kunst des Spitzentanz selber beherrschen wollte. Davon bin ich heute noch immer weit entfernt aber der Anfang ist gemacht auch wenn ich weiß, daß ich niemals perfekt werden kann. Die Ausnahme wäre es, wenn mir ein Lottogewinn ins Haus fallen würde. Dann könnte ich mir die notwendige Zeit nehmen. Gut, dann hätte ich natürlich noch das ein oder andere, was ich vielleicht tun würde…

Natürlich ist es eine Herausforderung den Spitzentanz zu lernen aber am Ende auch nicht mehr als alles andere, was man neu anfängt. Solltet Ihr tanzen, denkt an Eure erste Trainingsstunde im Ballett oder Eure erste Pirouette zurück. Alles war anstrengend, schmerzhaft oder schien unmöglich.
Ohne Frage ist es eine Gewöhnungssache, bis man auf Spitze tanzt und einem nicht alles weh tut und es wird immer mehr oder weniger unangenehm sein. Der Fuß ist in der Revolution eben nicht primär für das Tanzen geformt worden. Am Ende ist es aber eine Sache der Gewöhnung, die sich in jedem Fall lohnt. Die kleinen Erfolge lösen immer wieder eine Begeisterung in mir aus.

Nun stellt sich jedoch die Frage, warum kaum Jungs oder Männer auf Spitze tanzen, keine Ausbildung machen oder keine Möglichkeit bekommen.
Hier sehe ich verschiedene Ursachen und Gründe;

1.) Generell habe ich die Erfahrung gemacht, daß viele Ballettschulen gar keine Ausbildung in Spitzentanz anbieten. Die Gründe hierfür mögen sehr unterschiedlich sein.
Zum einen sollte hier erwähnt werden, daß jeder unabhängig seines Kenntnisstands und Ausbildung als Tanzlehrer tätig sein darf. Ich bin überhaupt kein Freund davon, zu sagen, daß jeder Trainer, der keine Ausbildung gemacht oder als Tänzer gearbeitet hat, nicht in der Lage ist andere zu trainieren.
Ein noch so guter Tänzer ist möglicherweise ein schlechter Trainer und hat von Pädagogik keine oder kaum eine Ahnung. Aber auch bei einer professionellen Tanzausbildung kann nicht grundsätzlich erwartet werden, daß jede Balletttrainerin / -trainer auch die Kenntnisse hat, in Spitzentanz auszubilden. Das ist in Anbetracht der sehr großen Verantwortung auch nicht mehr als richtig.
Am Ende ist möglicherweise ein Trainer ohne jede Bühnenerfahrung sogar der bessere Trainer, wenn er sein Handwerk beherrscht.
Es ist mir enorm wichtig hier anzusprechen, daß man sich trotzdem an Zertifizierten Tanzschulen orientieren kann, nur sollte dies nicht als alleiniges Merkmal angesehen werden.
Zusammengefasst, gibt es je nach Örtlichkeit zu wenige Ballettschulen, die Spitzentanz überhaupt ausbilden.

2.) In einige Schulen wird immer wieder darauf hingewiesen, daß es zu wenige Tänzerinnen gibt, die an Spitzentanz Interesse haben. Das ist generell zwar richtig, sollte aber erklärt werden.
Zum einen muß erwähnt werden, das es eine Empfehlung gibt, welches Mindestalter Tänzer haben sollten um mit dem Spitzentanztraining beginnen zu dürfen.
Der Deutsche Berufsverband für Tanzpädagogik e.V. (DBfT) nennt in seiner Satzung für seine Mitglieder 10 Jahre als das Mindestalter für eine Spitzentanzausbildung.
Dies ist mehr als richtig, jedoch für einige die erste und auch wichtige Hürde zum Spitzentanz.
Die zweite Hürde ist die ebenfalls wichtige und richtige Tatsache, daß ein Mindestmaß an Training pro Woche vorausgesetzt wird um am Spitzentanzunterricht teilnehmen zu dürfen. In den meisten Schulen, die ich kennengelernt habe sind es mindestens drei Stunden. Das ist bei der Belastung auf den Körper und den Füßen und im Besonderen bei der hohen Verletzungsgefahr nur richtig.
Viele Mädchen scheuen jedoch den großen Aufwand für das Training und bleiben somit außen vor. Das Ergebnis ist je nach Ballettschule, daß es nicht wirtschaftlich ist, eine entsprechende Gruppe aufzubauen.

Daß die wenigen Jungs / Männer nicht in das Spitzentanztraining integriert werden, liegt denke ich in erster Linie an dem Festhalten an alten Standards. An körperlichen Gründen liegt es nicht, an dem fehlenden Willen eben sowenig.
Meine persönliche Erfahrungen sind zudem noch, daß “Frau” gerne unter sich bleiben möchte. Wird man in mancher Ballettschule bereits abwertend oder irritiert angesehen, wenn man überhaupt als Mann tanzen möchte, fällt man spätestens bei der Frage nach Spitzentanzunterricht mit einem lächelnd empörten ” Für Männer bieten wir das nicht an ” durch alle Raster, wobei das Wort „Männer“ in diesem Fall mindestens eine Oktave höher gesprochen wird.
Dies sind Erfahrungen aus regulären Ballettschulen und mag in ausbildenden Schulen möglicherweise anders gehandhabt werden.

Am Ende bleibt eine Enttäuschung darüber, daß die Choreographen, welche die Möglichkeiten haben in ihr Repartiorden Spitzentanz zu integrieren und besonders auch auf die männlichen Tänzer zu portieren es nicht nutzen. Ich hoffe in diesem Punkt auf die Zukunft. Daß es zumindest einige Spitzenschuhe in den Größen über 42 gibt, lässt zu hoffen.

Wer sich als Mann mit dem Thema Spitzentanz befassen möchte, wird sich als erstes mit der großen Frage beschäftigen müssen, wo er passende Spitzenschuhe bekommen kann.
Eine Adresse kann ich mit gutem Gewissen nennen: Modern Line Tanzbedarf in Marburg.
Hier gibt es Spitzenschuhe bis Größe 46 und ein hervorragender Service dazu.
Tipps zu dem Thema Spitzenschuhe für Männer und weitere Infos werde ich in einem zweiten Teil hier im Blog ausführlich beschreiben.

Aber für dieses Mal genügend Gedanken zum Thema Tanz.
Ich freue mich über Eure Meinungen zu dem Thema, Ideen und Informationen.

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